SINCE – Eulen nach Athen – Album – 2026

SINCE – Eulen nach Athen: Wut als Gegenwartsdiagnose

SINCE zerlegen auf „Eulen nach Athen“ die Selbstzufriedenheit eines Landes, das sich lieber betäubt als bewegt. „Eulen nach Athen“ ist ein deutsches Post-Punk/Post-Hardcore/Post-Rock-Album, das unsere Gegenwart mit schonungsloser Wut seziert. Acht Songs zwischen Digital-Eskapismus, „besorgten Bürgern“ und Aufrüstungs-Euphorie, die lieber zielen als gefallen möchten. Wer sich zwischen Punk-Sozialkritik, politischer Haltung und persönlicher Erschöpfung wiederfindet, bekommt hier 24 dichte Minuten ohne Sicherheitsabstand.

Facts
SINCE – Eulen nach Athen

Artist: SINCE
Country of Origin: Germany (Bochum)
Title: Eulen nach Athen
Format: Album, Stream, Download
Genre: Post-Punk, Post-Hardcore, Post-Rock
Label: DannMachsDochSelber
Release Date: 06.02.2026
8 Tracks – ca. 24 Minuten

Hi-res 42

At Bandcamp available in Lossless
24 Bits / 48 kHz – Stereo

UK-Flag 42

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Review

Wer sich zuerst bewegt, verliert – so eröffnet nicht nur die Bandbio von SINCE, sondern auch das Gefühl dieser Platte. „Eulen nach Athen“ klingt wie die vertonte Verweigerung, noch einen Zentimeter zurückzuweichen: deutschsprachiger Post-Punk/Post-Rock aus Bochum, laut, direkt, unbequem, mit Texten, die nicht um Sympathie buhlen, sondern Klarheit einfordern.

Die Band gibt es seit Anfang der 2000er, und man merkt in jeder Sekunde, wie routiniert und gleichzeitig hungrig dieses Trio unterwegs ist. Die Jungs wissen ziemlich genau, wie es geht – und vor allem, wie man es machen muss, wenn man nach so vielen Jahren noch immer etwas zu sagen hat. Die Band ist ein klassisches Trio und maximal effektiv: Sebastian Kobs (Gesang, Gitarre) schreit und knödelt den Frust sehr authentisch ins Mikro und hinaus in die Welt. Seine Stimme ist ständig kurz vorm Kippen – und genau das macht sie so glaubwürdig, weil sie eher nach Überlastungsgrenze als nach sauber geplanter Studio-Performance klingt.

Der Bass von Sebastian Rasche wummert und greift richtig tief ins Fundament, bringt zusammen mit Sören Reich am Schlagzeug jeden einzelnen Track brutal gut nach vorne und verleiht den Songs dieses körperliche Gefühl, das auch mächtig im Magen und nicht nur im Kopf ankommt. Sören an den Drums ist dabei präzise und zuverlässig wie ein Uhrwerk, ohne jemals klinisch oder mechanisch zu wirken – eher wie jemand, der gelernt hat, genau im richtigen Moment loszuhämmern, damit alles zusammenstürzt, was an Fassade noch steht. Falls der „König von Amerika“ noch mal jemanden für Abbrucharbeiten braucht – Sören und die Band helfen ihm dabei gerne aus.

SINCE sind dabei keine Newcomer im luftleeren Raum, sondern eine Band, die ihre Haltung in jedem Vers spürbar macht. Die Bio verspricht „Musik als Haltung: roh, präzise und kompromisslos. Nicht zum Abnicken – sondern zum Einmischen“, und genau das passiert. „Eulen nach Athen“ ist kein Protestalbum mit erhobenem Zeigefinger, sondern schleudert ihre Gegenwartsdiagnose mitten rein in die Magengrube: persönlich, politisch, sarkastisch – und erschreckend nah an dem, was sich 2026 in Deutschland, Europa und hinter dem großen Teich gerade abspielt.

Gleichzeitig ist es wichtig, dieses Album nicht zur 2026er-Version des „Kommunistischen Manifests“ zu verklären: Zwischen all der Wut verlaufen immer wieder private, verletzliche Linien, die dafür sorgen, dass „Eulen nach Athen“ nie kalt, dogmatisch oder programmatisch wirkt, sondern menschlich und erstaunlich human bleibt.

„Es nimmt“ steckt den Rahmen ab: ein Land zwischen Angst, Betroffenheits-Posen, Malle-Eskapismus und „das war schon immer so“. „Dieses Land gibt nicht – es nimmt“ richtet sich klar nach innen, gegen eine ehemals selbstzufriedene Mitte, die ihren Traum ertrinken lässt. Genau hier dockt die Platte an das an, was ich in Episode 005 der Cancer Files als „gesellschaftlichen Krebs“ beschrieben habe: eine Krankheit, die nie wirklich entfernt wurde und jetzt wieder durchschlägt.

„Plastik und Beton“ schaut ins Innere der Institutionen: Narben werden mit Pflastern abgeklebt, „damit alles bleibt, wie es immer war“, geholfen wird vor allem denen, die leise bleiben. „Es gibt nur Plastik und Beton für dich“ macht daraus ein dystopisches Bild einer Bürokratie, in der Leid verwaltet wird und für viele nur noch eine kalte, unmenschliche Landschaft hinter lauwarmen, fad gewürzten PR-Formeln und politisch glatt gebügelten Propagandabegriffen bleibt.

„Wellensteyn“ nimmt die Silhouetten dieser neuen alten BRD ins Visier: „besorgte Bürger“ in Funktionsjacken, Schießverein, Caps-Lock-Empörung, „Krieg auf der Autobahn“ und „All Inclusive in Afghanistan“. Hier schieben SINCE diese Figuren einen halben Schritt ins Groteske, ohne sie ihrer Gefährlichkeit zu berauben – ein Song wie ein Brennglas auf das, was seit Jahren durch Kommentarspalten, Stammtische, Telegram-Gruppen und unsäglich dumme, deutsche TV-Talkshows wabert.

Der „König von Amerika“ zieht den Kreis noch größer: „altes Fleisch und gelbes Haar“, „Jede Lüge wird zur Wahrheit, wenn man sie oft genug erzählt“ – die deutsche Kurzfassung populistischer Männerfantasien, die einmal quer über den Atlantik und wieder zurück laufen. Der Song funktioniert als verdichtetes Bild für all die sogenannten „starken Männer mit der eisernen Faust“, die autoritäre Sehnsüchte bedienen, während sie demokratische Strukturen aushöhlen.

SINCE

Die klarste Kante setzt „Irgendwo in Riga“: ein Anti-Kriegs-Song über Aufrüstung, Sondervermögen und Merz-Pathos. „Dein bester Freund G36“, „jeder dritte Euro ist ’ne Leiche wert“ und „tu es für dein Vaterland, tu es für Herrn Merz“ kippen Zeitenwende-Sprech ins Groteske und lassen am Ende nur einen Leichenberg und einen im Dreck liegenden Bruder zurück. Was in Talkshows gern als „Sachzwang mit Kollateralschaden“ daherkommt, erscheint hier als das, was es für die Betroffenen ist: ein lebensgefährliches Experiment mit Menschen aus Fleisch und Blut.

Zwischen diesen großen Bögen bleibt Raum für das Private. „Digitales Gift“ erzählt von der Flucht in Algorithmen, Timelines und Games – digitales Narkosemittel, das seine eigene Giftigkeit kennt. Die permanent geöffnete Tür zur Ablenkung macht es leichter, nichts zu fühlen, aber genau das nagt irgendwann tiefer, als jeder Doomscrolling-Abend zugeben will. „Eulen“ richtet sich an all die toxischen Kontakte, bei denen jedes Gespräch „reine Verschwendung von Zeit“ ist und man sich „hoffentlich nie mehr wiedersehen“ will – ein emotionaler Kurzschluss gegen Dummheit und Dauerlärm im direkten Umfeld.

Unterm Strich ist „Eulen nach Athen“ eine Platte, die lieber zielt als gefallen möchte – und genau das macht sie für ein Projekt wie WaterDomeMusic interessant. In den Cancer Files habe ich davon geschrieben, dass wir Progressiven ein Elixier brauchen, das uns kurz verbindet, bevor wir wieder in unsere Einzelkämpfer-Realität zurückfallen.

Hier ist eine dieser Dosen: Acht Songs, 24 Minuten, die brennen, aber genau deshalb wirken, und die bei aller politischen Schärfe nie vergessen, dass hinter all dem noch Menschen stehen, die sich zwischen Angst, Sehnsucht, Müdigkeit und Wut durch diesen Alltag schleppen. Während sich andere Magazine in kryptischen Insta-Snippets erschöpfen, gönnt dieses Review SINCE und „Eulen nach Athen“ die ungeteilte Aufmerksamkeit – inklusive der nötigen Zeilen, um Wut, Kontext und Zwischentöne wirklich zu entfalten.

Und falls jemand fragt: Ja, mit diesem Album bin ich zurück – beziehungsweise endlich angekommen im Jahr 2026, aber anders, als ich es selbst geplant hatte. Und vielleicht ist das der ehrlichste Weg, 2026 über Musik zu schreiben: nicht aus der Distanz eines neutralen Beobachters, sondern aus der verletzten, erschöpften, wütenden Mitte eines Landes heraus, das sich seit 2020 mit einem Ausfallschritt nach rechts eine bitterböse Leistenzerrung geholt hat.

The Bottom Line

Vierundzwanzig Minuten, acht Songs: Post-Punk, Post-Hardcore, Post-Rock, die lieber zielen als gefallen möchten – und in denen aus lauter vereinzelten Progressiven kurz so etwas wie eine laute, starke Gemeinschaft entstehen kann. Musikalisch liefern SINCE einen kompakten, druckvollen Sound, der selbst auf mickrigem Equipment treibend im Magen ankommt und diese Mischung aus Wut und Wärme transportiert; Gitarren, Bass und Drums stehen dicht beieinander, die Vocals sitzen vorne im Mix und lassen den Texten genug Raum, ohne in reines Geschrei zu kippen. In 24 Bit und 48 kHz kommt das Album ehrlich, aufrichtig, laut und lärmig daher – nicht audiophil gebügelt, sondern roh genug, um authentisch zu bleiben und trotzdem differenziert genug, um auf einer guten Anlage noch an Kontur und Wucht zu gewinnen.

Bei Bandcamp gibt es das Album als native 24 Bit / 48 kHz-Version für 8 Euro, mit MwSt. sind es 9,52 Euro – immer noch ein mehr als fairer Kurs für diese halbe Stunde Realitätsschock. Kurze, straffe Songs, wenig Schnickschnack, viel Dynamik zwischen Ausbrüchen und stilleren Momenten lassen „Eulen nach Athen“ eher wie eine konzentrierte Livesession wirken als wie ein klinisch glattpoliertes Studio-Produkt. SINCE sind zurück und nehmen uns mit auf einen kurzen, aber intensiven Ritt durch die Welt im Jahr 2026. Und wir blicken uns an, nicken mit dem Kopf und sagen: Ja, wir sind in 2026 angekommen – aber für Sie gilt: nur bis auf Widerruf, Herr Merz. „Ich bin das alles so leid. Reine Verschwendung von Zeit.“

Rating
  • Bit-Depth: 24 Bit
  • Sampling-Rate: 48 kHz
  • Sound-Quality
  • Music
  • Quality of Press-Services (Online)
5

Total (max. 5 Stars)

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Mein Testequipment

Studio 1:

  • Front: 2 x System Audio SA Mantra 50
  • Subwoofer: 1 x System Audio Saxo 10
  • Music Server: Melco N1A H60 4TB (Hi-res)
  • DAC: Cambridge DAC Magic Plus
  • Streaming / Network Player: Cambridge MXN10
  • Streaming / Network Player: WiiM Ultra
  • Amplifier: Denon AVR-X3600H (Direct 2.1 Konfiguration) 4K, Hi- res, HEOS
  • Headphone: InEar: Shure SE846 with ALO MMCX Audio Reference 8 Kabel
  • Headphone: OverEar: Audeze EL-8
  • Nvidia Shield Pro (for Plex Server and Kodi in 24/96 max)
  • AppleTV 4K (Streaming Client) Dolby Atmos, HDR, Dolby Vision
  • Plex on Apple TV: upto 24/96 Hi-res
  • TV: Sony KD55-XG8505 (HDR, Dolby Vision)

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