Protomensch – Felsmann + Tiley zwischen Dystopie, Kino und Katharsis
Protomensch ist das bisher konsequenteste Statement von Felsmann + Tiley: ein Konzeptalbum über den Menschen als „idiotisches Genie“ zwischen Hightech, Kontrollverlust und zarter Hoffnung. Statt Club-Bangern setzen die beiden auf cineastische, drumlose Synthlandschaften, in denen jede Note wie ein Gedankenblitz wirkt. Perfekt für Nachtfahrten, Kopfhörer-Eskapismus und alle, die sich fragen, wie man in dieser überdrehten Gegenwart noch halbwegs klar bleibt…
Facts
Artist: Felsmann + Tiley
Country of Origin: Germany (Stuttgart, London)
Title: Protomensch
Format: Album, Stream, Download, Vinyl
Genre: Electronica, Synthwave, Cinematic, IDM
Label: Embassy One / Mute Artists Ltd.
Release Date: 13. Februar 2026
12 Tracks – 34m 07s

At Bandcamp available in Lossless
24 Bits / 44.1 kHz – Stereo

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Review
Felsmann + Tiley sind so ein klassischer Fall von „worldwide sync, aber trotzdem Insider-Geheimtipp“: Ihr M83-Remix von „Solitude“ ist über Serien und Playlists längst im Massenbewusstsein angekommen, während der Name für viele noch im Schatten eines anonymen, schwarzweißen Artworks lebt. Das passt zu einem Duo, das sich vom 2000er-Trance-Background über weltweite DJ-Touren hin zu einer fokussierten, drumlosen Cinematic-Sprache entwickelt hat. Protomensch wirkt wie der Punkt, an dem all diese Linien zusammenlaufen – weniger EP-Skizze, mehr das lange vorbereitete „große Bild“.
In den frühen 2000ern standen Dominik Felsmann und Patrick Tiley als Kamui mit energetischem Clubsound und dunklem Trance auf Bühnen rund um den Globus. Nach einer kreativen Pause formierten sie 2017 Felsmann + Tiley als Gegenentwurf – mit der Regel, auf Drums und klassische Rhythmussektion zu verzichten, um Raum für Harmonie, Klangfarbe und Emotion zu schaffen. Diesen Ansatz schärften sie über Tempora (ihrer neoklassischen, Vivaldi-inspirierten Jahreszeiteninterpretationsrausch), die pandemiedunkle Weltschmerz-EP und das cineastische Retrovision; Protomensch ist das erste Werk, das diese Vision wirklich ausformuliert.
Konzeptionell kreist Protomensch um die Figur des „proto-humanen“ Wesens, das Manifest und „Warum“ als tragischen, hochintelligenten, aber kurzsichtigen Charakter zeichnen. Die Gegenwart erscheint als Paradox: technologisch im Overdrive, psychologisch und moralisch in alten Mustern aus Krieg, Verschwörungsdenken und Selbstbetrug gefangen. Erzählt wird das nicht über linearen Plot, sondern über Atmosphären, Symbole und das Wechselspiel von menschlicher Stimme und synthetischem Klang. Cover, Gatefold-Design und Visuals schärfen dieses Bild eines Wesens, das vertraut wirkt und gleichzeitig irritierend fremd.
Musikalisch bewegen sich Felsmann + Tiley in einem eigenen Zwischenraum aus Synthwave-Silhouetten, neoklassischen Harmonien, cineastischen Drones und IDM-Feinheit – so reduziert im Instrumentarium, dass jede Note Gewicht bekommt. Der Verzicht auf Kickdrums verlagert die Energie in harmonische Verschiebungen, Texturwechsel und Dynamik, besonders hörbar in Instrumentals wie „Seeker“ und „Warnung“, die eher nach Kamerafahrten als nach Strobe-Licht verlangen. Die Nähe zu Filmkomponisten wie Cliff Martinez und zu Nils-Frahm-artiger Minimalistik ist deutlich, ohne zum bloßen Zitat zu werden.
„Open Fields“ eröffnet das Album als vokalgetriebene Synthwave-Ballade mit The Kite String Tangle und fungiert als Scharnier zwischen früher Club-Vergangenheit und heutiger Kopfhörer-Kinoästhetik. Symbolisch steht der Song für dieses „eine Stück offenes Feld“, auf dem trotz widriger Umstände noch Hoffnung wachsen kann. Wo „Warum“ die große Existenzfrage stellt, liefert „Open Fields“ die pragmatische Antwort: Die Gründe bleiben unklar, aber hier ist der Ort, an dem sich etwas pflanzen lässt – der Mensch als „Hope Machine“, die wider jede Vernunft weitermacht.
Im Mittelteil nutzt das Album starke Features, um unterschiedliche Facetten des Protomensch auszuleuchten. „Opioid“ mit Pet Deaths bringt eine brüchige, fast sakrale Schwere ein, irgendwo zwischen Betäubung und Klarheit. „Always You“ mit Woodes funktioniert als zarter, hymnischer Synth-Pop-Moment und als Kommentar auf die menschliche Neigung zu Projektionen – das Festhalten an einem „Du“ oder Idealbild, um die Gegenwart zu ertragen. „God Is Lonelier“ mit Laius zeichnet einen „prophet of solitude“, der feststellen muss, dass das Podest eher vereinsamt als erlöst.
Die Instrumentals dienen als dramaturgische Klammern. „Memory“ und „Reset“ markieren zwei Pole desselben Prozesses: Festhalten versus Loslassen, Rückblick versus Neustart – im Lichte der eigenen Laufbahn vom Tour-DJ zum Studioprojekt fast autobiografisch. „Gabriel“ und „Kind“ bringen eine „sekulär-andächtige“ Qualität ein, moderne Hymnen ohne religiöses Vokabular, aber mit viel spiritueller Aufladung im Klang. Mit „Warum“ und „Neuzeit“ schließt sich der Kreis: Der Protomensch bleibt Fragezeichen, nicht Auflösung; die Zukunft erscheint eher als Synthese aus Mensch und Maschine denn als klarer Konflikt.
Auch im größeren elektronischen Kontext setzt Protomensch ein Statement. Viele Artists mit Trance-, Progressive- oder Techno-Background träumen vom „Listening-Album“ – hier liegt ein Beispiel vor, bei dem dieser Schritt nicht Nebenprojekt, sondern Kern der Idee ist. Die melancholischen Riffs der frühen Jahre werden nicht verleugnet, sondern in eine neue Grammatik übersetzt: weniger Drop, mehr dramaturgische Kurve, weniger Peak-Time, mehr Nachhall im Kopf. Für Producer:innen aus Melodic- und Organic-House-Umfeldern taugt das Album hervorragend als Studienobjekt: wie weit sich Rhythmus reduzieren lässt, ohne die Energieachse zu verlieren, und wie viel Score in Club-DNA passen kann, bevor das Konstrukt kippt.
Der Blick auf Formate und Preise erzählt nebenbei eine typische 2026er-Geschichte: Ein deutsches Duo veröffentlicht sein Album, aber der Kauf auf Bandcamp erfolgt in US-Dollar, während Qobuz im Euro-Raum nur 16-Bit-CD-Qualität anbietet. Die 24-Bit-/44,1-kHz-Version auf Bandcamp wirkt damit wie die eigentliche Referenzfassung – nicht wegen spektakulärer Samplerate, sondern weil die 24 Bit genau die Feindynamik und leisen Hallfahnen transportieren, die den Sound von Felsmann + Tiley prägen.
Tracklist
01 – Felsmann + Tiley ft. The Kite String Tangle – Open Fields – 3:42 – 16/44.1
02 – Felsmann + Tiley – Memory – 3:01 – 24/44.1
03 – Felsmann + Tiley ft. Pet Deaths – Opioid – 2:54 – 24/44.1
04 – Felsmann + Tiley – Reset – 2:56 – 24/44.1
05 – Felsmann + Tiley ft. Woodes – Always You – 3:07 – 24/44.1
06 – Felsmann + Tiley – Seeker – 2:49 – 24/44.1
07 – Felsmann + Tiley – Warnung – 2:32 – 24/44.1
08 – Felsmann + Tiley – Gabriel – 2:21 – 24/44.1
09 – Felsmann + Tiley – Kind – 2:35 – 24/44.1
10 – Felsmann + Tiley ft. Laius – God Is Lonelier – 3:05 – 24/44.1
11 – Felsmann + Tiley – Warum – 2:48 – 24/44.1
12 – Felsmann + Tiley – Neuzeit – 2:17 – 24/44.1
The Bottom Line
Protomensch ist weniger eine Sammlung elektronischer Tracks, sondern eher ein verdichteter Score für die Gegenwart – geschrieben von zwei Produzenten, die ihre Club-Vergangenheit nicht verleugnen, sondern in etwas Reiferes transformiert haben. Das Album überzeugt durch eine konsequente Verbindung aus Konzept, Klangästhetik und visueller Rahmung und wirkt als Spiegel für alle, die sich zwischen Hoffnung und Überforderung verorten. In audiotechnischer Hinsicht spielt die 24-Bit-Version ihren Vorteil klar aus: Die drumlosen Arrangements profitieren enorm von der zusätzlichen Auflösung in Raum, Hall und Dynamik – genau den Details, die den Protomensch am Ende so irritierend menschlich und verletzlich erscheinen lassen. Für Fans von M83 (Oblivion-Score, „Solitude“-Vibes), Cliff Martinez (Solaris, Drive), Nils Frahm, Grandbrothers – und generell allen, die elektronische Musik lieber als Film im Kopf als als Werkzeug für den Dancefloor hören.
Rating
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Bit-Depth: 24 Bit
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Sampling-Rate: 44.1 kHz
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Sound-Quality
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Music
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Quality of Press-Services: Online
Zusammenfassung

Listen & Buy
Mein Testequipment
Studio 1:
- Front: 2 x System Audio SA Mantra 50
- Subwoofer: 1 x System Audio Saxo 10
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