Einzeller, röhrende Hirsche und eine Krebsdiagnose
Krebs ist nicht nur etwas, das in meinem Körper wächst. Krebs ist auch ein Muster: in der Politik, in der Gesellschaft, in unseren Szenen. Ich merke, wie sehr mich das alles gleichzeitig trifft – die Krebsdiagnose in meinem eigenen Gewebe, die metastasierende Sprache von Rechts, die Indifferenz in meiner geliebten Musikszene, die Vereinzelung der Progressiven.
Christina Christiansen schreibt, dass wir Progressiven uns gegenseitig zerlegen. Ich sitze davor und denke: Wir sind doch gar kein Block. Wir sind ver-ein-zellt. Einzeller, die nebeneinander durchs Netz treiben, jede:r mit eigener Definition von „progressiv“. Wir prallen nicht mal wirklich aufeinander, wir prallen voneinander ab – Reposts statt Gespräche, Statements statt Echos.
Und trotzdem hat sie recht, wenn sie warnt: Die Rechte deckt ihre Leute, wir sezieren unsere. In einem Land, in dem bis heute der röhrende Hirsch vor der Alpenkulisse an den Wänden bürgerlicher Wohnzimmer hängt, während darunter familiäre Feste wie Geburtstag, Geburt und der Tod des verhassten Onkels mit Sekt, Bier und alten Geschichten gefeiert werden, weiß ich sehr genau, was sie mit Mief meinen könnte.
Ich habe einmal einen Text über den früheren Baseballschläger-Osten gelesen, in dem der Autor schrieb, diese Typen würden ja nicht plötzlich zu lieben, netten Menschen – sie würden nur älter, heiraten, kriegen Kinder und vererben ihre beschissene Einstellung weiter an die jeweils nächste Generation. Genau das passiert bis heute unter diesen Bildern: Der von Generation zu Generation vererbte Faschismus wird ausgepackt wie ein Familienerbstück.
In den 50er-Jahren lebten und arbeiteten in West-Deutschland ehemalige Nazis ganz normal weiter in der neuen BRD – als Lehrer:innen, Richter, Polizisten, Chefs, Nachbarn. Eine echte Entnazifizierung hat nie konsequent stattgefunden und war in den Anfangszeiten des Kalten Krieges auch gar nicht gewünscht. Der Faschismus, den wir heute unter dem Label AfD als Neofaschismus beklagen, ist deshalb kein plötzlich wiedererstarktes Monster, sondern der alte Bodensatz, der seit den 50ern in unseren Familien, Betrieben und Vereinen mitgeschwommen ist: im Osten offiziell verboten, im Westen lange Zeit offiziell verpönt.
Gesagt wurde das, was man heute wieder offen brüllt, früher hauptsächlich auf Familienfeiern und an Stammtischen, wenn der Alkohol den letzten Rest Filter weggespült hatte. Dass wir es jetzt in Talkshows und auf Wahlplakaten sehen, heißt nicht, dass es neu ist – nur, dass sich das Fenster des Sagbaren seit den 80ern Stück für Stück nach rechts verschoben hat. Ausgerechnet wir, die den röhrenden Hirsch an der Wand immer verachtet haben, schaffen es bis heute nicht, ein gemeinsames Gegenbild zu entwickeln, das uns wirklich verbindet. Nur dass ich mir manchmal wünsche, wir würden uns überhaupt erst mal richtig begegnen, bevor wir das Skalpell auspacken. Was wir Progressiven brauchen, ist ein Bindeelixier.
Ich hatte in der Schule das Glück einer großartigen Gemeinschaftskundelehrerin. Von ihr habe ich mitgenommen: Politik ist nichts Abstraktes in der Hauptstadt, sondern „Politik bestimmt dein Leben.“ Vielleicht erklärt das, warum ich Musik und Politik nicht trennen kann. Blues war nie nur Klang, sondern Überlebensprotest gegen Sklaverei. Woodstock war nicht nur ein Festival, sondern ein Aufschrei gegen Krieg und Muff. Ton Steine Scherben haben in der Bundesrepublik die Risse benannt, durch die später Terror fallen konnte. Neil Young zieht seinen Katalog aus den Amazon-Konzernstrukturen und verschenkt ihn an die Bürger in Grönland. Musik war immer Bindeelixier – für Protest, für Hoffnung, für Rebellion und danach Wandel.
Und dann schaue ich auf meine eigene Szene. Nora En Pure fliegt als Ocean-Ambassador um die Welt, fliegt von Gig zu Gig durchs MAGA-Land, während längst ausgerechnet ist, wie sehr Touring die Klimakrise mit anheizt – und aus dem Kondensstreifen formt sich der Schriftzug: „Ist das wirklich alles notwendig und legitim?“ Global-Citizen-Konzerte bauen Riesenbühnen gegen Armut und Klimawandel, für Sustainability, sammeln Zusagen und Sponsorgelder – und hängen gleichzeitig Konzernlogos an jede Kante. Ich liebe, was sie wollen, und verzweifle daran, wie sie es tun. Greenwashing ist auch eine Krankheit: eine, die schöne Bilder über zerstörerische Strukturen legt.
Ich nehme mich dabei nicht raus. Als WaterDomeMusic und Purified auseinandergeflogen sind, habe ich ein Manifest geschrieben: Musik wird für mich kein Fastfood mehr sein. Kein reines „Next Track“ im Streaming-McDonald’s. Ich kaufe, was mir wichtig ist – bei Bandcamp, bei Label-Stores, bei Qobuz. Ich linke bewusst nicht nur zu Spotify, sondern auch zu Tidal und Qobuz, weil ich zeigen will: Es gibt Alternativen. Jetzt, mit einer Krebsdiagnose im Rücken, fühlt sich das noch dringender an. Wenn die eigene Zeit endlich wird, merkst du, wie krank es ist, Kultur nur noch als Wegwerf-Content für Algorithmen zu behandeln.
Parallel dazu versuche ich, aus den Plattformkäfigen auszubrechen. Seit Musk bei X die Tür übernommen hat, bin ich raus. Facebook befeuere ich nur noch automatisiert, seit mir dort ein Rechtsradikaler meine Ermordung an den Hals gewünscht hat. Ich will meine Kritik an der Gesellschaft nicht länger ausschließlich über Systeme verschicken, deren Besitzer mit Trump Burger essen gehen. Also strecke ich Fühler aus: Mastodon, Bluesky, LinkedIn. Klein, brüchig, aber wenigstens ein Versuch, neue Räume zu bauen. Wir dürfen unsere Kritik nicht nur auf den Plattformen austragen, die selbst an der Zerstörung von Gesellschaft mitarbeiten.
Währenddessen sitzen Merz und Co. in ihren Sprachholzschnittwerkstätten und schnitzen an einer Republik der groben Konturen: hier die Anständigen, dort die „anderen“. Holzschnittartig, ohne Zwischentöne. Wir Progressiven sind da nicht unschuldig. Auch wir feiern uns gern für scharf geschnitzte Sätze, für klare Feindbilder, für Emotion im Großformat – und wundern uns, dass uns nichts Dauerhaftes verbindet. Gestern hat Bruce Springsteen „Streets of Minneapolis“ veröffentlicht, ein Protestlied gegen staatliche Gewalt. Dieser Song macht genau das Gegenteil: Er haut nicht drauf, er hält uns. Er gibt uns einen Moment, in dem wir vielleicht alle gleichzeitig fünf Sekunden lang Tränen in den Augen haben. Und diese Tränen sind das eigentliche Bindeelixier.
Dass Kultur unser Bindeelixier ist, spüre ich auch im Kleinen. Wenn ich eine Flow-Playlist kuratiere, ist das kein Netflix-Ersatz, sondern der Versuch, Einzeller kurz miteinander zu verbinden. Wenn ich mit einer Künstlerin darüber diskutiere, ob Musik „politisch sein muss“, erzähle ich ihr von Blues, Woodstock, Ton Steine Scherben, Global Citizen und Neil Young. Wenn ich mit progressiven Accounts in den USA interagiere, versuche ich, einen transatlantischen Faden zu spinnen – trotz KI-Fake-Videos, trotz algorithmischer Mauer. Meistens bleibt es beim schwachen Signal. Und trotzdem will ich nicht aufhören, dieses Signal zu senden.
Vielleicht sind das die beiden Leitsätze dieses Tages:
„Politik bestimmt unser Leben.“
„Wir Progressiven brauchen ein Bindeelixier.“
Deshalb war und ist Kultur immer das Bindeelixier, mit Songs, Büchern, Texten, Bildern, die uns über Blasen, Plattformen, Ländergrenzen hinweg für einen Moment zu mehr machen als Einzellern. Christina Christiansen gehört genauso dazu wie ich mit meinen Reviews, wie Springsteen mit seinem Song, wie jede kleine Flow-Playlist, die sich weigert, nur Hintergrundrauschen zu sein. Krebs – im Körper, in der Sprache, im System – lebt von Vereinzelung, von Zellen, die unkontrolliert wuchern. Vielleicht ist Heilung nichts anderes als das Gegenteil: Zellen, die sich wieder verbinden. Kultur, die uns daran erinnert, dass wir nicht allein sind.
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