The Cancer Files – 009 – Erster Befund, Ausnahmezustand and the days after
Die Krebsdiagnose hat mir nicht den Boden unter den Füßen weggezogen – dafür war ich zu gut vorbereitet. Trotzdem hat sich nach der ersten Befund-Besprechung alles seltsam verschoben angefühlt: fremd, beängstigend, wie ein kontrolliertes Stolpern. Meine bevorzugte Vorgehensweise in solchen Situationen: erst Rückzug, zwei, drei Tage Funk auf leise, dann langsam wieder auf die Beine kommen…
Facts
Subject: The Cancer Files
Edition: Episode 009
Title: Erster Befund, Ausnahmezustand and …
Format: Blogpost
Topic: Health
Genre: Cancer
Author: WaterDomeMusic
Release Date: 10. März 2026

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Episode 009
Die Cancer Files sind das Protokoll einer Zeit, in der sich meine Welt mit der ersten Diagnose Mitte Januar vollständig verschoben hat – und sich seitdem komplett anders anfühlt als vorher. Dinge, die früher von Release‑Kalendern und Algorithmen bestimmt waren, treten zurück, weil plötzlich etwas im Raum steht, das sich nicht wegorganisieren lässt. Mit dem Gespräch am 25.02. bei meinem Hausarzt, dem der Biopsie‑Befund bereits vorlag, war mir endgültig klar, wie es um mich steht: Gleason 8, High‑Risk‑Tumor – eine dieser Zahlenkombinationen, die man nie über sich selbst lesen möchte.
Beim Termin bei meiner Spezialistin, Frau Dr. Schremmer, war ich zunächst der Meinung, ich sei relativ gefasst. Ich hatte die Fakten, ich kannte die Begriffe, ich wusste recht gut, womit ich es zu tun habe. Als sie mich dann fragte, ob mir bewusst sei, dass ich Krebs habe, hat mich diese eine Frage eiskalt erwischt – und mich mehr aus der Bahn geworfen, als ich mir eingestehen wollte.
Je mehr Zeit seitdem vergangen ist, desto klarer wird mir, wie unpassend sich diese Äußerung für mich angefühlt hat. Da werden Routinen und Kommunikations-Schemata gezogen, die vielleicht im Lehrbuch stehen, aber mit meiner Art, durchs Leben zu gehen, wenig zu tun haben. Ich habe noch nie gut in Schubladen und Standard‑Abläufe gepasst – und das scheint sich mit meiner Krebsdiagnose ändern zu wollen. Und da werde ich immer und immer wieder mein Veto einlegen.
Nur weil ich rational wusste, was auf mich zukommt, heißt das nicht, dass mein Kopf entspannt bleibt. Das Kopfkino startet in dem Moment, in dem ich die Praxis verlasse: Bilder von Klinikfluren, OP‑Sälen, Wartezimmern, von einem Körper, der sich verändern wird. Nach außen funktioniere ich halbwegs, nehme Termine wahr, organisiere das Nötige. Nach innen laufen Szenarien, die von „Das wird schon“ bis „Was, wenn nicht?“ reichen – oft innerhalb derselben Stunde.
Mein erster Reflex nach solchen Nachrichten ist Rückzug. Zwei, drei Tage, in denen ich Kommunikation runterfahre, weniger erreichbar bin, versuche, Informationen zu sortieren und meine eigene Stimme wiederzufinden. Das ist kein heroischer Coping‑Mechanismus, eher eine Art Notbremse: raus aus dem Lärm, rein in eine kleine Blase, in der ich wieder atmen kann. In dieser Zeit schwankt alles zwischen Angst, Pragmatismus und dem Versuch, Träume vom Zerfallen auszublenden.
Auf dem Papier wirkt die Diagnose zuerst wie eine nüchterne Zusammenfassung: Befunde, Bilder, Zahlen, ein Gleason‑Score, der meinen Tumor in eine Risikokategorie einsortiert. Gleason 8 heißt im Klartext: High‑Risk‑Prostatakrebs, also eine aggressive Form, die man nicht einfach „beobachtet“, sondern aktiv behandeln muss. Für Ärzt:innen ist das eine klare Leitlinien‑Ansage, für mich ist es der Moment, in dem aus vagen Symptomen eine sehr konkrete Krankheit mit Gewicht wird.
Die Fragen verschieben sich: Nicht mehr „Habe ich Krebs?“, sondern „Hat er gestreut? Wenn ja: wie weit ist er vorgedrungen? Welche Optionen habe ich? Was bedeutet das für meinen Alltag und meinen Körper?“. Antworten darauf wird erst die PSMA‑PET‑CT liefern, die heute als sehr genauer Standard für das Staging bei High‑Risk‑Prostatakrebs gilt – also dafür, ob und wie weit der Tumor sich im Körper ausgebreitet hat. Dafür brauche ich eine Überweisung meiner Spezialistin ans Klinikum Fulda, wo jetzt das ASV‑Team die Koordination übernimmt – ein Netzwerk aus verschiedenen Fachrichtungen, das bei komplexen Tumorerkrankungen gemeinsam plant und behandelt.
Ich will an dieser Stelle nicht jedes medizinische Detail ausbreiten, weil vieles noch in Bewegung ist und sich Einschätzungen in den ersten Wochen verändern können. Aber die Einstufung reicht, um zu wissen: Das hier ist kein Randthema mehr, das man irgendwie zwischen Arbeit, Musik und Alltag schiebt – das ist jetzt der Rahmen, in dem ALLES stattfindet.
Der eigentliche Bruch passiert dort, wo diese Diagnose in den Alltag hineinläuft. Dinge, die vorher selbstverständlich waren – Shop‑Besuche, Release‑Planung, lange Sessions am Rechner, Social‑Media‑Routinen – fühlen sich plötzlich an wie Aktivitäten aus einer anderen Epoche. Stattdessen dominieren Arzttermine, Wartezimmer, Telefonate mit Praxen und Kliniken. Mein Kalender, der sonst Projekte strukturiert hat, wird zu einer Liste medizinischer Fixpunkte, zwischen denen ich versuche, überhaupt noch ein normales Tagesgefühl zu finden. Zeiten der Untätigkeit, drei bis fünf Tage meist, versuche ich zu genießen und nutze sie, um auf andere Gedanken zu kommen. Meine alten Freunde sind mir sehr wichtig, ebenso meine Family in Chicago.
Ich merke, wie ich so allmählich immer häufiger an mein maximales Energielevel herankomme und wie schnell mich schon kleine Aufgaben erschöpfen. WaterDomeMusic rutscht wie automatisch deutlich in den Hintergrund: Reviews entstehen nur, wenn der Kopf wirklich frei ist, Playlists laufen nicht mehr nebenbei. Der Alltag ist nicht mehr der stabile Rahmen, in dem „Krebs“ ein Sonderthema ist – Krebs ist der Rahmen, und alles andere darin versucht, sich irgendwie neu zu sortieren.
Parallel zu diesem inneren Chaos läuft die medizinische Maschinerie an. Es stehen weitere Untersuchungen an, genauere Bildgebung, Laborkontrollen, eventuell zusätzliche Biopsien – jeder Termin bringt neue Daten, aber auch neue Unsicherheiten. Ärzt:innen sprechen über Leitlinien, Optionen und Wahrscheinlichkeiten, Begriffe wie „Tumorboard“, „Therapieschema“ und „Nebenwirkungen“ werden auf einmal Teil meines aktiven Wortschatzes.
Die nächsten Schritte fühlen sich ambivalent an: Auf der einen Seite ist da Erleichterung, weil etwas passiert und ich nicht nur passiv ausgeliefert bin. Auf der anderen Seite bedeutet jeder Schritt auch, die Erkrankung noch konkreter werden zu lassen. Ich unterschreibe Aufklärungsbögen, stimme Untersuchungen und möglichen Therapien zu und merke, wie mein Körper zur Projektfläche wird, auf der verschiedene Fachdisziplinen zusammenarbeiten. Gleichzeitig lerne ich, in diesen Gesprächen mehr einzufordern: weniger Standard‑Formulierungen, mehr echte, individuelle Kommunikation, die mich als Menschen sieht und nicht nur als Fall in einer Leitlinie.
Für mich und mein Umfeld wird jetzt alles komplizierter und deutlich schwieriger zu handeln sein. Das gilt auch und ganz besonders für den Bereich Musik. In den letzten Wochen habe ich mich aus Progressive House, Melodic House und auch Organic House im Grunde vollständig zurückgezogen. Für mich ist das eine Schönwetter‑, Good‑Life‑Musik – Erinnerungen an eine gute Zeit mit einem Sound, der in der Jetzt‑Zeit einfach nicht mehr zu der neuen Realität passt.
Dazu kommen die bereits länger schwelenden Schwierigkeiten mit Purified Records und Nora En Pure, die schon im Dezember begonnen haben und schließlich darin mündeten, dass es 2026 keine Fortsetzung der Zusammenarbeit geben wird – eine Entscheidung, die nicht von mir ausging. In meiner aktuellen Krebssituation habe ich keinerlei Power in mir, da noch mal immens viel Kraft reinzuhängen und das aus eigenem Antrieb wieder anzustoßen oder „geradebiegen“ zu wollen.
Zumal ich Noras Management wie auch sie selbst angeschrieben hatte – doch eine Reaktion darauf gab es nicht, und das war bitter und traurig. Stattdessen haben sich meine Aktivitäten mehr in Richtung Post‑Rock und Post‑Punk verschoben, oft mit deutschsprachigen Texten – back to my roots sozusagen. Dieser Sound hilft mir in meiner jetzigen Lage deutlich besser weiter als der House‑Sound es konnte – er trägt das Schwere, die Brüche und die Unsicherheit, die gerade da sind, anstatt sie mit einem „Everything’s fine“-Filter zu übermalen.
The Bottom Line
Wenn ich diese erste Phase nach der Diagnose zusammenfasse, dann ist es weniger ein plötzlicher Absturz, mehr ein kontrolliertes Stolpern. Ich wusste, was kommt – und trotzdem fühlt sich alles fremd, unsicher und größer an, als ich es mir im Kopf ausgemalt hatte. Routinen brechen weg, Prioritäten verschieben sich, und der Kalender gehört auf einmal der Medizin.
The Cancer Files sollen genau das dokumentieren: nicht nur harte Fakten, sondern auch die stillen Tage dazwischen, die Rückzüge, das langsame Wieder‑auf‑die‑Beine‑Kommen. Episode 009 markiert diesen Startpunkt – erster Befund, Ausnahmezustand, erste Schritte. Wie es weitergeht, werden die nächsten Episoden zeigen, die nächsten Untersuchungen, die nächsten guten oder schlechten Nachrichten.
Und doch ist ein neues Review in Arbeit:
Kind Kaputt
Ins Blau
Album – Uncle M Music – 23. Januar 2026 – 10 Tracks – 35m 23s
Post Punk, Post Rock
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