The Cancer Files – 012 – 24.04.2026

Prostatakrebs, das Rippe 7-Mysterium und Menschen und Musik

Ich habe Prostatakrebs und stehe vor der Entscheidung zwischen Operation oder einer Hormonentzugs- und Strahlentherapie. Gleichzeitig werden die Phasen länger, in denen WaterDomeMusic in meinem Kopf auf „Mute“ steht – und ich sehe deutlicher denn je, wer bleibt, wer geht, wer kommt und wie sehr die aktuelle politische Situation in diesem Land meinen Blick auf die Geschehnisse in Berlin schärft – aber keine Angst, ich bin durch und durch progressiv! 

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Facts
The Cancer Files, Episode 12

Subject: The Cancer Files
Edition: 012
Title: Das Rippe 7 – Mysterium, Menschen und Musik
Format: Blogpost
Topic: Health
Genre: Cancer
Author: WaterDomeMusic
Release Date: 24. April 2026

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Episode 012
Einstieg / Kernproblem  

Das größte Problem, das ich im Moment mit meiner Krebserkrankung habe, ist nicht die medizinische Seite, sondern der Abstand zur Musik. Ich merke, wie mein Kopf und mein Herz immer öfter nicht mitspielen, wenn es um das geht, was mich eigentlich definiert: neue Sounds, Playlists, Texte, Clubkultur im Kopf. Die Pausen, in denen ich mich nicht um Musik kümmern kann oder will, werden länger – und sie fühlen sich jedes Mal ein Stück schwerer an.  

Status: Klartext – Prostatakrebs  

Seit Januar 2026 weiß ich, dass ich Prostatakrebs habe und zwar die ernstere Version mit beidseitigem Befall der Prostata und befallenen Lymphknoten. Dazu kommt das – wie ich es liebevoll nenne – „Rippe 7-Mysterium“ rund um die siebte Rippe links: Im PSMA/PET-CT ist dort eine verdächtige Stelle aufgetaucht, die entweder eine Knochenmetastase sein kann – oder eine alte Rippenverletzung aus einem Arbeitsunfall vor über zehn Jahren. Solange das nicht sauber geklärt ist, hängt dieser Punkt wie ein nerviger Störton über dem gesamten Befundbild.  

Im Kern stehe ich vor zwei offiziellen Hauptpfaden: eine große Operation mit anschließender Reha oder eine Kombination aus Hormonentzugs- und Strahlentherapie. Laut meiner Urologin, die einen fantastischen Job macht und meinen vollen Dank verdient, sind die Erfolgsaussichten beider Wege in meinem Fall annähernd gleich, unterscheiden sich aber deutlich in Nebenwirkungen und Zeitachsen. Am 19.05. habe ich dazu einen Termin in der Krebs- / Prostatakarzinom-Sprechstunde im Klinikum Fulda. Dort sitze ich dann mit den beiden Teams zusammen, die mich später tatsächlich behandeln würden – Urologie und Strahlentherapie – und wir gehen die Optionen noch einmal durch, bevor ich endgültig entscheide. Eigentlich plädiere ich innerlich schon sehr deutlich für die Hormonentzugs- und Strahlentherapie über mehrere Monate, voraussichtlich ab Ende Mai, aber genau diese zusätzliche Runde mit den behandelnden Ärzteteams fühlt sich wichtig an: nicht, um mir die Entscheidung abnehmen zu lassen, sondern um sie gut informiert und mit einem möglichst ruhigen Kopf treffen zu können.  

Musik: Wenn der Kopf auf „Mute“ geht – und kleine Lebenszeichen  

Was mich gerade mehr beschäftigt als jede Leitlinie: die Funkstille im Inneren, wenn es um Musik geht. Ich scrolle durch neue Releases, sehe Mails von Labels und Artists – und spüre oft nichts. Kein inneres „Muss ich hören“, kein „Das könnte auf eine Playlist“. Manchmal schaffe ich einen „Just listen“-Moment, aber häufig fühlt es sich an, als hätte jemand im Kopf die Monitorboxen leiser gedreht. Für jemanden, der 21 Jahre Musikbusiness und WaterDomeMusic im Rücken hat, ist das eine sehr spezielle Form von Verlustgefühl.  

Ganz tot ist der Draht zur Musik aber nicht: Am kommenden Wochenende will ich die Playlist für den Monat April fertigstellen – und dazu die komprimierte Variante „40 Best of April 2026“ veröffentlichen. Das kann zwar alles etwas länger dauern als früher, aber genau diese kleinen, abgeschlossenen Projekte fühlen sich gerade an wie Beweise dafür, dass da unter dem ganzen Klinik- und Befundrauschen immer noch ein musikalischer Kern arbeitet und dass WaterDomeMusic noch atmet.  

Menschen: Wer bleibt, wer kippt weg  

Dazu kommt ein zweites, großes Thema: Menschen. Es gibt viele, die sich mir gerade extrem zugewandt zeigen – mit Nachrichten, Anrufen, kleinen Gesten, echter Unterstützung. Mein tiefer Dank geht an all diese Menschen. Aber ich erlebe auch die andere Seite: Menschen, die mir wichtig waren und es eigentlich immer noch sind, sich jedoch abwenden oder in eine merkwürdige Distanz rutschen. Ich weiß, ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt und renne daher auch niemandem hinterher. Es ist eure Entscheidung. Macht, was ihr meint. Wer bleiben will, bleibt. Wer geht, geht. Ich nehme das zur Kenntnis, und ich weiß auch, dass ich derzeit in manchen Situationen durchaus seltsam reagiere.  

Politik: Wenn eine Diagnose den Blick schärft  

Was meine Krebserkrankung auch macht: Sie schärft meinen politischen Blick. Politisch war ich schon immer, aber so klar, so kompromisslos wie jetzt habe ich es selten gespürt. Wenn du mit einer ernsten Diagnose durch dieses Gesundheitssystem geschoben wirst, siehst du ziemlich deutlich, wie viel hier seit Jahren auf Verschleiß läuft – bei Personal, bei Strukturen, bei Zugängen zu moderner Diagnostik und Therapie.  

Seit den fünfziger Jahren – kein Scherz – erzählen sie uns, sie würden die Bürokratie abbauen. Passiert ist faktisch nichts. Was sie wirklich meinen, ist der Umbau unseres Sozialstaates nach amerikanischem Vorbild: Die volle Aufmerksamkeit gilt der Wirtschaft und den Überreichen, und für die „hart arbeitende Mitte“ (wer soll das eigentlich sein? Sagen wir doch lieber: für die Bürger) bleiben vor allem leere Worte, schöne Versprechungen – Einschnitte, Kürzungen, tief schneidende Sparmaßnahmen. Und natürlich das ewige Mantra: „Ihr müsst mehr arbeiten.“ Alles ganz nach dem Vorbild von Ronald Reagan, Maggie Thatcher, Javier Milei, Elon Musk und Donald Trump.  

Die Mär vom sozialen Aufstieg ist längst zur Lebenslüge geworden – die Metapher „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ ist zu einem HOAX mutiert, und der Trickle-Down-Brunnen steht seit den 50iger Jahren im Heimatkunde-Museum von Brilon und gibt seit dieser Zeit keinen Tropfen Wasser mehr ab.

Gleichzeitig merke ich: Es geht mir längst nicht nur um Gesundheitspolitik, sondern um die gesamte politische Richtung. Die Reformpläne von Friedrich Merz – und zwar nicht nur im Gesundheitsbereich, sondern insgesamt – werde ich leidenschaftlich bekämpfen. Ich halte diese Richtung für sozial und gesellschaftlich gefährlich, gerade für Menschen, die alt, krank, arm, verletzlich oder einfach nicht „marktwirtschaftstauglich“ sind. Und ja, ich werde dafür auch auf die Straße gehen, obwohl ich in meiner Situation Demonstrationen, Stress und Menschenmengen eigentlich lieber vermeiden würde. Aber nicht zu reagieren fühlt sich inzwischen falsch an.  

Bei all dem Gerede über Digitalisierung, Automatisierung und KI sage ich euch ganz offen: Ich will keine humanoiden Roboter mit KI, sondern ich will allenfalls ein Hologramm mit KI. Lieber Joi als Terminator. Aber Boris Pistorius wird das hassen – sei’s drum.

The Bottom Line  

Meine Krebsgeschichte spielt nicht im luftleeren Raum, sondern mitten in einem Land, das Menschen vertröstet, während es den Sozialstaat ausdünnt und neoliberale Märchen ausstellt wie Museumsstücke.  Wenn ich trotzdem schreibe, fluche, kuratiere und gelegentlich tanze – dann ist das mein persönlicher Gegenentwurf zu diesem „Brilon-Kapitalismus“: nicht schön, aber lebendig.

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