Kamilo Sanclemente, Mauro Aguirre – Looking For You EP – 2026

Review: Zwei Progressive-Entwürfe zwischen Retro-Romantik und Acid-Schub

Mit „Looking For You“ kehrt Kamilo Sanclemente zu Univack zurück – mit einer EP, die Progressive House, Indie Dance, Pop und technoide Energie auf nur zwei Tracks überraschend stimmig zusammenbringt. Die Veröffentlichung richtet sich an Hörer:innen und DJs, die melodische Tiefe schätzen, aber genug von austauschbaren Peak-Time-Formeln haben und lieber Charakter, Emotion und ein klares Club-Fundament erleben wollen. Wie weit darf sich Progressive House in Richtung Pop, Indie und Techno öffnen, ohne seine Seele zu verlieren?
#ProgressiveHouse #MelodicHouse #Univack #KamiloSanclemente #WaterDomeMusic

Facts
Kamilo Sanclemente, Mauro Aguirre - Looking For You EP - 2026

Artist: Kamilo Sanclemente, Mauro Aguirre
Country of Origin: Colombia (beide)
Title: Looking For You EP
Format: EP, Download, Stream
Genre: Progressive House, Melodic House
Label: Univack
Release Date: 19. Juni 2026 / 17. Juli 2026
4 Tracks, 23 m 29 s

Hi-res 42

At Spotify available in Hi-res
24 Bits / 44.1 kHz – Stereo

UK-Flag 42

Translation? Floating button in the
top right corner of every page

Review

2026 ist ein gutes Jahr, um sich im Progressive-/Melodic-Kosmos zu verlieren – und Kamilo Sanclemente gehört zu den Produzenten, die in diesem Dickicht einen eigenen Pfad ziehen. Zusammen mit dem Landsmann Mauro Aguirre hat er mit „Looking For You“ eine exzellente EP abgeliefert.

Der Titeltrack „Looking For You“, gemeinsam produziert mit Mauro Aguirre, eröffnet die EP mit einer Soundsignatur, die sich wohltuend gegen einfache Schubladen sperrt. Aguirre bringt über 30 Jahre Erfahrung aus den wichtigsten Clubs Kolumbiens mit und steht für eine musikalische Sozialisation, in der Namen wie Pet Shop Boys, Depeche Mode, Chemical Brothers oder Underworld als hörbarer Hintergrund mitlaufen. Genau das spiegelt sich in diesem Stück wider: Die Bassline bleibt warm und fließend, die Vocals liegen in mehreren Ebenen übereinander, und darüber legen sich Synths, die nicht einfach nur melodiös sein wollen, sondern bewusst mit einer gewissen Pop- und Disco-Erinnerung spielen. So entsteht ein Track, der progressiv, nostalgisch und zugleich sehr gegenwärtig klingt.

Besonders stark ist, wie „Looking For You“ sein Retro-Flair ausspielt, ohne in bloße Stilübung abzugleiten. Die schimmernden Synth-Farben tragen durchaus etwas von 80er-Disco und Indie Dance in sich, doch der Groove wurzelt klar im Heute: federnd, elegant und präzise genug, um sowohl im Club als auch auf einer guten Heimanlage zu funktionieren. „Looking For You“ wirkt in diesem Kontext wie ein kleiner, wegweisender Monolith: kein austauschbarer Baustein in einem 60‑Minuten‑Set, sondern ein Track, an dem sich aufsteigende und abfallende Spannungsbögen eines Sets orientieren können – so, wie man es aus sorgfältig kuratierten Circle‑of‑Fifths‑Mixen kennt. „Looking For You“ zieht dich nicht mit brachialer Power auf die Tanzfläche, sondern erst wippst du leicht im Rhythmus mit, um schließlich zu fühlen „okay, das ist es, mein Sound“ – und schon tanzt du doch heftig auf dem Dancefloor ab. Mit seiner Atmosphäre, seinem Charme und einem sehr fein austarierten Verhältnis von Emotionalität und Bewegung holen dich die beiden Soundtüftler am Ende dann doch genau dort ab, wo der Track hingehört: mitten auf die Tanzfläche.

„Just Come Back“ setzt danach bewusst einen Kontrapunkt und zeigt die ernstere, drängendere Seite von Kamilo Sanclemente. Hier stehen Druck, Vorwärtsbewegung und hypnotischer Rhythmus deutlich stärker im Zentrum: eine rollende Bassline, Acid-Synths mit Biss und eine Percussion, die das Stück fast ununterbrochen unter Spannung hält. Die Nähe zu Techno ist klar hörbar, ohne dass der Track seine progressive Dramaturgie verliert. Vielmehr entsteht genau jener Zug nach vorne, den man in einem Set braucht, wenn es von hypnotischer Tiefe in Richtung Peak-Time kippen soll.

Wer Kamilos aktuelle Arbeiten über Univack hinaus verfolgt, wird seine Arbeitsweise sofort wiedererkennen. Auf dem Ende Mai 2026 erschienenen Kling-Klong-Release „Smoke Machine“ lotet er gemeinsam mit Mauro Aguirre und Sebastian Valencia (COL) eine ähnlich druckvolle, cluborientierte Seite seines Sounds aus; besonders „Test Flight“ wirkt dabei wie ein programmatischer Vorläufer zu jener Dynamik, die auch „Just Come Back“ antreibt. Dort trägt der Titel das Bild schon in sich: ein Testflug über eine weit aufgefächerte Soundlandschaft, mit klarer Bewegung, Höhe, Richtung und einem Gespür dafür, wie man Spannung nicht nur aufbaut, sondern räumlich erlebbar macht. Flieger, grüß mir die Sonne… Genau diese „flugfähige“ Dramaturgie hört man auch hier wieder – nur dass Univack dem Ganzen noch etwas mehr melodische Tiefe und Progressive-Eleganz mitgibt.

Gerade im direkten Vergleich wird deutlich, wie klug diese EP gebaut ist. „Looking For You“ steht für jene Seite des Progressive House, die erzählerisch, emotional und auch jenseits des Floors wirksam ist. „Just Come Back“ ist dagegen das Gegenstück für den Club: funktionaler, direkter und körperlicher, aber nie stumpf oder rein zweckmäßig. Diese Spannung zwischen Song und Tool, zwischen Indie-affiner Offenheit und dancefloor-tauglicher Zuspitzung, macht den eigentlichen Reiz der EP aus.

Kamilo Sanclemente
Kamilo Sanclemente

Kamilo Sanclemente ist ein äußerst talentierter und produktiver Produzent und DJ für elektronische Musik aus Cali, Kolumbien. Sein unverwechselbarer Progressive-House-Sound, der immer wieder in melodische und organic gefärbte Gefilde hinübergleitet, fliegt gerne im Tiefflug über weit ausladende, detailreiche Soundlandschaften – ein Stil, der ihm weltweit Anerkennung und zahlreiche Platzierungen in den Verkaufscharts eingebracht hat. In den vergangenen Jahren hat er Musik bei einigen der renommiertesten Labels für Progressive House und Melodic Techno veröffentlicht, darunter The Soundgarden, Anjunadeep, Parquet, Manual Music, Beatfreak, Balance und Global Underground, um nur einige zu nennen.

Immer wieder taucht Kamilo in den Beatport-Top-100 und Top-10 der Kategorien Organic House, Progressive House sowie Melodic House & Techno auf, darunter bislang mehrere Nummer-1-Hits in den Hype-Progressive-House-Charts. Seine Produktionen werden von Szenegrößen wie Hernán Cattáneo, Nick Warren oder Guy Mantzur gespielt und auf deren Labels veröffentlicht, was seine Rolle als einer der prägenden kolumbianischen Vertreter des Genres zusätzlich unterstreicht. DJ Mag Latinamerica hat ihn folgerichtig als einen der zehn lateinamerikanischen Künstler hervorgehoben, die man unbedingt im Auge behalten sollte.

Auch als DJ hat sich Kamilo einen exzellenten Ruf erarbeitet: Seine Sets führen von Buenos Aires über São Paulo und Mexiko-Stadt bis nach Europa und verbinden tiefgehende, erzählerische Spannungsbögen mit einem klaren Gespür für den Moment auf dem Floor. Ob in intimen Clubs oder auf großen Floors – seine Auftritte sind konsequent darauf angelegt, die Hörer:innen nicht nur zum Tanzen zu bringen, sondern sie auf eine Reise durch seine ganz eigene progressive Klangwelt mitzunehmen.

Mauro Aguirre, DJ und Produzent aus Cali (COL), blickt auf mehr als 30 Jahre Erfahrung in den wichtigsten Clubs Kolumbiens zurück. Geprägt von Gruppen wie Pet Shop Boys, Depeche Mode, The Chemical Brothers und Underworld spannt er sein Klangspektrum von Deep House über Organic House bis hin zu kraftvollem Progressive House. In seinen besten Momenten klingt sein Sound dabei buchstäblich wie der „Zorn Gottes“ – eine kleine, augenzwinkernde Anspielung auf seinen Nachnamen, die seiner oft kompromisslosen, druckvollen Art zu produzieren und aufzulegen erstaunlich gut entspricht. Seine Sets und Produktionen leben von diesem Spannungsfeld aus emotionaler Dichte, treibenden Grooves und einer klaren Dramaturgie, die ihn fest in der kolumbianischen Szene verankert und gleichzeitig weit über sie hinausstrahlen lässt.

Gemeinsam treffen bei „Looking For You“ also nicht nur zwei Produzenten aufeinander, sondern zwei komplementäre Perspektiven auf dieselbe Szene: Kamilo als melodisch denkender Architekt weit ausladender Progressive-Landschaften, Mauro als erfahrener Club-Stratege mit einem feinen Gespür für Druck, Timing und Emotion.

Was beim Hören der EP sofort auffällt: Univack ignoriert die gängigen „Snack-Format“-Vorgaben vieler Streaming-Dienste und gibt den Tracks schlicht die Spielzeit, die sie brauchen. „Looking For You“ und „Just Come Back“ kommen in den Original-Mixes auf rund vier beziehungsweise dreieinhalb Minuten und liegen damit spürbar über dem mittlerweile allzu verbreiteten Drei-Minuten-Limit, das man vor allem von Spotify-optimierten Produktionen kennt. Diese zusätzliche Luft tut der Dramaturgie hörbar gut – Breaks, Layer und Vocals können sich entfalten, ohne dass ständig an irgendeinem „Skip-Punkt“ gedacht werden muss.

Mauro Aguirre
Mauro Aguirre

Richtig ausschwingen darf sich die EP in den Extended-Versionen. Mit Laufzeiten von etwa 8:14 Minuten bei „Looking For You (Extended Mix)“ und 7:45 Minuten bei „Just Come Back (Extended Mix)“ breiten die Tracks ihre Flügel vollständig aus und nehmen den Hörer mit auf einen wesentlich umfassenderen Flug durch Kamilos und Mauros Soundlandschaften. Die Arrangements wirken hier wie im „Director’s Cut“: längere Builds, tiefere Breaks, mehr Raum für Details im Sounddesign. Bemerkenswert ist dabei auch die Format-Politik: Während die Original-Mixes zunächst in 24 Bit bei Spotify an den Start gehen, liegen die Extended-Versionen zunächst exklusiv bei Beatport in 16 Bit vor; erst im zweiten Schritt, wenn weitere Plattformen nachziehen, stehen Original- und Extended-Mixes dann auch im verlustfreien 24-Bit-Gewand nebeneinander zur Verfügung.

Spannend ist auch, dass sich auf dieser EP kaum ein „klarer Favorit“ herauskristallisiert – nicht einmal im direkten Vergleich von Original zu Extended. Die Original-Mixes punkten mit kompakter, pointierter Erzählweise, in der die Hooks, Vocals und Harmonien sofort ins Ohr greifen und sich die Tracks hervorragend in unterschiedlichste Playlists und Radiosituationen einfügen. Die Extended-Versionen dagegen sind gemacht für das lange Hören und den Club: Sie laden zum Versinken in den Details ein, leben von fließenden Übergängen und dem Gefühl, wirklich in diese Klangräume hineinzufliegen. Am Ende ist es weniger eine Frage des „besten“ Tracks als eher die Wahl des Settings: Wohnzimmer, Kopfhörer oder Club.

Track Listing
  1. Looking For You (Original Mix) – 4:00
  2. Just Come Back (Original Mix) – 3:30
  3. Looking For You (Extended Mix) – 8:14
  4. Just Come Back (Extended Mix) – 7:45
  • Tracks 1 und 2 sind die Original-Mixes, die zum Start ausschließlich bei Spotify (24 Bit) verfügbar sind.
  • Tracks 3 und 4 sind die Extended-Mixes, die zunächst exklusiv bei Beatport in 16 Bit erscheinen.
  • Etwa vier Wochen nach dem initialen Release ziehen weitere Plattformen nach, sodass Original- und Extended-Mixes dann breitflächig in 24 Bit zur Verfügung stehen.
The Bottom Line

„Looking For You“ ist eine kompakte, aber bemerkenswert vielschichtige EP, die sehr gut zeigt, wo Progressive House 2026 stehen kann: zwischen Pop- und Indie-Sensibilität auf der einen und technoider Club-Wucht auf der anderen Seite. Kamilo Sanclemente und Mauro Aguirre liefern mit dem Titeltrack einen emotional zugänglichen, stilistisch mutigen Song, während „Just Come Back“ jene Seite bedient, die im Club nach Druck, Fokus und Bewegung verlangt. Die kleine Reminiszenz an „Test Flight“ macht dabei zusätzlich klar, dass diese Härte bei Kamilo kein Ausreißer ist, sondern Teil einer größeren klanglichen Entwicklung, die sich aktuell sehr schlüssig durch sein Werk zieht.

Klanglich gibt es wenig zu meckern: Der Mix ist druckvoll, aber nicht überfahren, der Bass bleibt konturiert, die Höhen sauber, und beide Tracks lassen genug Luft für Dynamik und räumliche Staffelung. Gerade deshalb lohnt sich der Vergleich zwischen Original- und Extended-Mixen, weil sich hier sehr genau hören lässt, wie unterschiedlich Songfluss und DJ-Dramaturgie gewichtet werden. Unterm Strich ist „Looking For You“ eine EP, die zeigt, wie gut Progressive House dann funktioniert, wenn er nicht nur auf Funktion zielt, sondern auch Atmosphäre, Songgefühl und Mut zur stilistischen Reibung zulässt.

Rating

  • Bit-Depth: 24 Bit (Spotify)
  • Sampling-Rate: 44.1 kHz
  • Sound-Quality
  • Music
  • Quality of Press-Services (Univack Records, Spain)
  • Original Mix / Radio Edit
  • Extended Mix
4.9

Total (max. 5 Stars)

Listen & Buy
ein Testequipment

Studio 1:

  • Front: 2 x System Audio SA Mantra 50
  • Subwoofer: 1 x System Audio Saxo 10
  • Music Server: Melco N1A H60 4TB (Hi-res)
  • DAC: Cambridge DAC Magic Plus
  • Streaming / Network Player: Cambridge MXN10
  • Streaming / Network Player: WiiM Ultra
  • Amplifier: Denon AVR-X3600H (Direct 2.1 Konfiguration) 4K, Hi- res, HEOS
  • Headphone: InEar: Shure SE846 with ALO MMCX Audio Reference 8 Kabel
  • Headphone: OverEar: Audeze EL-8
  • Nvidia Shield Pro (for Plex Server and Kodi in 24/96 max)
  • AppleTV 4K (Streaming Client) Dolby Atmos, HDR, Dolby Vision
  • Plex on Apple TV: upto 24/96 Hi-res
  • TV: Sony KD55-XG8505 (HDR, Dolby Vision)

Near Field:

Teilen mit ...

Entdecke mehr von WaterDomeMusic

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.