The Cancer Files – 011 – 25.03.2026

Ein Tag im Sternentor – oder Radioaktiv im Linienbus – warum mich die PSMA-PET-CT plötzlich zur wandelnden Strahlenquelle machte

Die Tage vor der PSMA-PET-CT fühlten sich an wie eine langsam enger werdende Schleife: zu viele Gedanken, zu viele Szenarien im Kopf, zu viele Ängste, die größer waren als alles, was man zu diesem Zeitpunkt eigentlich wissen konnte. Wenn so eine Untersuchung ansteht, rutscht automatisch die Frage nach vorne, wie viel Zeit und wie viel Lebensqualität da noch kommen – ob man will oder nicht. Dieser Text erzählt von genau dieser Spannung: von den Tagen davor und von einem Untersuchungstag, der sich anfühlt wie ein Flug durchs Sternentor.

Facts
The Cancer Files - 011

Subject: The Cancer Files
Edition: 011
Title: Ein Tag im Sternentor – PSMA-PET-CT
Format: Blogpost
Topic: Health
Genre: Cancer
Author: WaterDomeMusic
Release Date: 25. März 2026

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Episode 011

Die Tage vor der PSMA-PET-CT waren zäh. Je näher der Termin rückte, desto dichter wurden die Gedanken. Man malt sich Dinge aus, für die es noch gar keine Grundlage gibt, und trotzdem sind sie da. Die PSMA-PET-CT kombiniert Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und Computertomographie (CT) und nutzt ein radioaktives Tracer-Molekül, das an PSMA andockt. So lassen sich Prostatakrebszellen im ganzen Körper mit hoher Präzision lokalisieren. Und genau dieses „große Kino“ stand jetzt bei mir auf dem Plan.

25. März 2026. Punkt. Heute war die PSMA-PET-CT. Punkt. Mehr braucht es eigentlich nicht, um den Tag zu umreißen. Es hat um 7:30 Uhr angefangen und war gegen 13 Uhr durch. Fünfeinhalb Stunden Klinik, Hightech, Warten, Hoffen, Aushalten. Am Ende fühlt es sich an, als ob mich jemand einmal komplett durch den Wolf gedreht hätte – körperlich und im Kopf.

    Die erste Station ist ein blauer Sessel in einem Nebenraum. Halb liegen, halb sitzen, nichts dazwischen. Genau die Stellung, die nach zehn Minuten unbequem wird und nach zwei Stunden zur Zumutung. Hier passiert alles, was „Vorbereitung“ heißt: Zugang legen – und dann zwei Becher Wasser, jeweils ein halber Liter, die ich über zwei Stunden hinweg Schluck für Schluck trinken soll. Nur Wasser, nichts weiter. Viel mehr Wasser, als ich sonst jemals in so kurzer Zeit trinke. Kein Fernsehen, keine Musik, kein Buch. Theoretisch dürfte ich mein Handy nutzen, praktisch ist der Klinik-Hotspot im Bereich Nuklearmedizin wohl abgeschirmt und online funktioniert so gut wie nichts.

    Das ist fast noch absurder, als wenn es komplett verboten wäre: Du hast das Ding in der Hand, kommst aber trotzdem nicht aus dieser Blase raus. Kein Scrollen, kein Wegklicken. Nur ich, der blaue Sessel, das Wasser – und die Zeit. Dass viel trinken und häufiges Wasserlassen hilft, die radioaktiven Substanzen schneller aus dem Körper zu spülen, erfahre ich erst später so richtig bewusst – hier sitze ich einfach nur und funktioniere.

    In diesem Nebenraum mit dem blauen Sessel war ich nicht allein. Dort saß nicht nur ich, halb liegend, halb sitzend, mit meinen zwei Bechern Wasser, sondern auch ein sehr freundlicher, junger Nuklearmedizin-Assistent, der mich durch diese ganze Vorbereitungsphase begleitet hat, schaute immer wider kurz bei mir rein. Er war einer von denen, bei denen man sofort merkt: Der macht seinen Job nicht nur technisch sauber, sondern hat auch ein echtes Gespür für Menschen. Ruhige Stimme, klare Erklärungen, null Stress, kein Zynismus. Er hat mir noch einmal das gesamte Procedere erklärt, Schritt für Schritt, als wäre es das Normalste der Welt – und gleichzeitig so, dass ich mich nicht wie ein Stück Ware auf dem Diagnose-Fließband fühlen musste.

    Und dann kam dieser eine Satz, der sich eingebrannt hat. Sinngemäß sagte er: „Halten Sie sich heute am besten von kleinen Kindern und jungen Menschen fern, insbesondere von Schwangeren – denn Sie sind heute radioaktiv.“ Bäm. Natürlich weiß ich, dass bei PSMA-PET-CT radioaktive Substanzen eingesetzt werden, der Tracer gehört zum Standard dieses Verfahrens. Aber es ist ein Unterschied, ob man etwas abstrakt liest oder ob dir jemand in die Augen schaut und sagt: „Sie sind heute radioaktiv.“ Da sitzt du plötzlich nicht mehr einfach nur im Sessel einer Hightech-Abteilung, sondern bist für einen Tag eine wandelnde Strahlenquelle auf zwei Beinen.

    Als der Assistent seinen Satz mit der Radioaktivität rausgehauen hatte, habe ich gekontert: „Okay, dann höre ich für den Rest des Tages nur noch Kraftwerk – ‚Radioaktivität‘.“ Der Track stammt vom Album „Radio-Aktivität“ aus 1975 – ein Konzeptalbum über Radioaktivität und Radiowellen, das an so einem Tag plötzlich viel wörtlicher wirkt, als es ursprünglich wahrscheinlich gedacht war. Wieder Lachen im Raum, der Druck geht kurz raus, und für ein paar Sekunden fühlt ich mich wie ein merkwürdig verlegener Musiknerd-Talk an einem Ort, an dem niemand freiwillig abhängt. Humor als dünne Schutzschicht über einem Moment, in dem mir gleichzeitig sehr klar wird, was hier physikalisch gerade mit meinem Körper passiert.

    „Busfahren darf ich aber, oder?“ Das war mein spontaner Fluchtanker zurück in den Alltag. Denn wenn du für einen Moment „radioaktiv“ hörst, rast der Kopf: Darf ich nach Hause? Darf ich in die Innenstadt? Darf ich überhaupt unter Menschen? Er blieb völlig entspannt und meinte sinngemäß: Ja, Bus ist kein Problem – es geht nur darum, engen und längeren Körperkontakt zu vermeiden, vor allem mit Kindern und Schwangeren. Die Erleichterung war fast körperlich spürbar. Ich merkte, wie sehr ich an dieser Busfahrt als Symbol für Normalität hing: Klinik verlassen, in den Linienbus steigen, zurück in „mein“ Fulda.

    In dieser Zwischenwelt entsteht eine seltsame, fast archaische Erfahrung von Zeit. Ich warte und trinke, trinke und warte. Ich zähle Sekunden, dann Minuten, und zum ersten Mal seit Langem habe ich wieder ein echtes Gefühl dafür, wie Zeit sich anfühlt, wenn sie nicht zugeschüttet wird. Nicht als Gegner, der mich plattmacht, sondern als etwas, das mich herausfordert: Kann ich das aushalten, ohne mich zu verlieren?

    Danach geht es in diesen riesigen, abgedunkelten Raum, in dem der Scanner steht. Ein Siemens-Healthineers-Gerät, aber für mich sieht es mehr nach Mini-Sternentor aus. Der Raum selbst ist fast wie eine Halle, hoch, weit, gedämpftes Licht, viel Leere und mittendrin dieses eine Stück Hightech. Futuristisches Ambiente, kühl und unwirklich. Man könnte das Ding auch irgendwo in einem geheimen Stargate-Labor hinstellen, es würde nicht auffallen. Das Sterntor in der Serie steht auch nie in kleinen Zimmern, sondern in großen, halbdunklen Räumen – hier fühlt es sich ähnlich an, nur eben ohne Special Effects.

    Ich werde auf die Liege geschoben, bekomme erklärt, dass man mich über Mikrofon hört und über Lautsprecher anspricht. Die Stimmen kommen jetzt von oben, nicht mehr von nebenan. Es fühlt sich mehr nach Maschinenraum der Enterprise an als nach Krankenhaus. „Scotty, beamen“, denke ich. Früher hatten solche Geräte wohl mal einen roten Cut-Knopf am langen Kabel, den man in der Hand hält und drücken kann, wenn es zu viel wird. Heute gibt es nur noch das Mikro über mir. Wenn es zu viel wird, muss ich nicht mehr drücken, sondern laut etwas sagen. Irgendwie sehr 2026: weniger Knöpfe, mehr Stimmen, ich fühl mich wie sprachgesteuert – aber ein Knopf in der Hand fühlt sich manchmal greifbarer an als ein Ruf in den weiten Raum. Als es losgeht, sage ich zu den Assistentinnen: „Okay, wir sehen uns drüben auf der anderen Seite des Sternentors.“ Sie fangen an zu lachen – Situation gerettet. Ab da sind sie noch ein Stück zugewandter, fast so, als würden wir das hier gemeinsam durchstehen.

    Der Scanner selbst bewegt sich mit einer Geschwindigkeit, die man kaum wahrnimmt. Extrem langsam, Millimeter um Millimeter. Das hat einen Preis: Der erste Scan dauert ungefähr 45 Minuten, der zweite später noch mal 15. Dazwischen eine Pause von rund anderthalb Stunden. Zeit verschwimmt und ist gleichzeitig messerscharf präsent.

    Was deutlich bleibt, ist das Geräusch, wenn das Gerät hochfährt: ein tiefes, anschwellendes Brummen, das mich sofort an den Warp-Antrieb der Enterprise erinnert. Kein Witz, das klingt wie „Warp-Antrieb hochfahren“. Und Handys wären beim Flug durchs Wurmloch vermutlich auch nicht angesagt – in der Enterprise check während eines Fluges durch das Wurmloch niemand Insta. Der Unterschied: Die haben zumindest ein Drehbuch. Ich liege da ohne Cut-Knopf mittendrin.

    Nach dem ersten großen Durchlauf im Scanner kommt etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet habe: eine „Mittagspause“. Anderthalb Stunden. Ich frage extra noch mal nach, ob ich das richtig verstanden habe. Ich darf essen. Ich darf raus. Also sitze ich kurze Zeit später in diesem kleinen aber netten Klinik-Restaurant, bestelle mir schnell eine kleine Pizza, etwas zu trinken. Offiziell alles erlaubt, alles ganz normal – und trotzdem fühlt es sich komplett unwirklich an.

    Eben noch das Sternentor, dann Siemens-Hightech und Maschinenraum-Vibes und jetzt eine Sitzecke mit Tablett und Kantinenatmosphäre. Für einen Moment erinnert mich das Ganze an „Zwölf Vorne“, die Mannschafts-Lounge auf der Enterprise-D – nur ohne Guinan, dafür aber mit erstaunlich viel Freundlichkeit. Ich bewege mich, als wäre ich leicht dejustiert, etwas orientierungslos, als käme ich gerade aus einem anderen Universum zurück. Und mittendrin treffe ich auf Menschen, die mir unerwartet freundlich begegnen, auf eine Weise, wie man das im Alltag kaum noch erlebt. Es ist, als würden viele ahnen, was man vielleicht gerade hinter sich hat – oder sich zumindest vorstellen können, dass niemand aus Spaß zum Mittagessen hier ist.

    Der Körper meldet relativ schnell Nebenwirkungen: leichte Kopfschmerzen, Kreislauf am Limit, Müdigkeit, wie ich sie lange nicht gespürt habe. Dazu kommt das viele Wasser, das sich später auf dem Heimweg rächt, wenn im Bus die Blase drückt, aber keine Toilette in Sicht ist. Auffällig ist allerdings auch etwas anderes: Der gesamte Unterkörper scheint einmal komplett durchgespült zu sein, sogar die Blasenentleerung geht leichter als vorher. Ein kleiner Nebeneffekt am Rande von all dem.

    Als alles erledigt ist, fahre ich mit dem Bus zurück in die Innenstadt. Eigentlich die banalste aller Bewegungen. Doch der Tag bleibt seinem Skript treu: Der Fahrer biegt irgendwann falsch ab, fährt eine Schleife und muss sich neu orientieren. Ich sitze am Fenster, sehe, wie die Strecke plötzlich nicht mehr stimmt, und denke: „Klar. Jetzt hänge ich auch noch in einer Zeitschleife fest.“ Von hinten brüllt eine Mitfahrerin nach vorne: „Was machen Sie denn da? Sie fahren ja falsch! Fahren Sie doch das nächste Mal richtig!” Ich bleibe völlig ruhig und denke: „Mein Gott, bleib ruhig, auf interstellaren Reisen passiert so etwas schon mal.” Heute war sowieso alles Science-Fiction – da passt eine kleine Extrarunde im Linienbus auch noch ins Drehbuch.“

    Fazit dieses Tages: Es war extrem belastend, in einer Form, wie ich sie so noch selten erlebt habe. Zu wenig Schlaf in der Nacht davor, dann dieser halbe Tag im Maschinenraum der Medizin – körperlich und emotional war ich die ganze Zeit über extrem angespannt. Aber – und das ist mir wichtig – die Menschen dort haben viel abgefedert. Die Nuklearmedizin-Assistentinnen und alle, die sich um den Scanner herum aufhielten, waren durchweg freundlich, geduldig und aufmerksam. Das nimmt der Prozedur zwar nicht ihre Härte, macht sie aber erträglicher. In einer Situation, in der man sich komplett ausgeliefert fühlt, können ein Lächeln und ein kurzer Spruch über das „Sternentor” mehr wert sein als jedes Beruhigungsmittel.

    The Bottom Line

    PSMA-PET-CT klingt auf dem Papier nach Diagnostik, Technik und Bildern. In Wirklichkeit ist es ein Tag im Grenzbereich: zu früh aufstehen, zu lange warten, zu viel Wasser trinken, zu lange liegen, zu viel aushalten. Der Scanner wirkt wie ein Sternentor und der Sound wie ein Warp-Antrieb, doch dahinter geht es um etwas sehr Irdisches: meinen Kampf ums Überleben und die Frage, was der Teufel mir antun will. Was bleibt, ist ein erschöpfter Körper, ein komplett leerer Akku und eine ehrliche Dankbarkeit für all die Menschen in dieser Abteilung, die mir das Gefühl gegeben haben, mehr zu sein als nur ein weiterer Fall im System.

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