Janus Rasmussen – Inert – Album – 2026

Review: Janus Rasmussen – Inert: Wie Janus Rasmussen auf Inert seine Elektronik entgrenzt – und endlich als Solokünstler seine Perfektion unter Beweis stellt.

Mit Inert legt Janus Rasmussen sein bisher persönlichstes und vielseitigstes Soloalbum vor: elegische Electronica zwischen Breakbeat, UKG, Ambient-Pop und postklassischem Piano. Das ist Musik für Nachtmenschen, Pendler:innen mit Kopfhörern und alle, die sich zwischen Stillstand und Neuanfang neu sortieren müssen.
#Electronica, #Downtempo, #Janus Rasmussen, #Inert, #Embassy One

Facts
Janus Rasmussen – Inert – 2026

Artist: Janus Rasmussen
Country of Origin: Faroe Islands / Iceland
Title: Inert
Format: Album, Stream, Download, Vinyl
Genre: Electronica, Downtempo, Leftfield
Label: Embassy One
Release Date: 19. Juni 2026
10 Tracks – 32m 55s

Hi-res 42

At Qobuz available in Hi-res
24 Bits / 44.1 kHz – Stereo

UK-Flag 42

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Review

Wenn man Janus Rasmussen bisher vor allem als eine Hälfte von Kiasmos abgespeichert hatte, ist Inert das Album, das dieses Bild zurechtrückt – oder besser: radikal erweitert. Statt minimalistischer Neo-Classic-Techno-Skizzen liefert er ein vielstimmiges, detailverliebtes Electronica-Album, das sich ständig zwischen introspektivem Songwriting und clubtauglicher Physikalität hin- und herbewegt. Schon nach den ersten Minuten ist klar: Hier bündelt jemand seine über Jahre geschärften Skills als Produzent, Songwriter und Mix Engineer – und setzt sie so souverän in Szene, dass aus all dem ein sehr persönliches, aber nie hermetisches Album wird.

Das Konzept von Inert – Trägheit zu durchbrechen, indem man sich kreativer Freiheit ausliefert – spürt man nicht nur in den Lyrics, sondern in der Dramaturgie des Werkes. Rasmussen setzt seine eigene Stimme so prominent ein wie nie zuvor, schichtet sie über Breakbeats, 2-Step-Grooves, schimmernde Synth-Flächen und Klavierfiguren und lässt sie mal zum fragilen Lead, mal zum geisterhaften Textur-Element werden. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld aus Nähe und Distanz, das in den besten Momenten an Thom Yorkes Solowerk, Moderat oder die introspektivere Seite von Burial erinnert, ohne je wie ein Zitat zu wirken.

Stilistisch ist Inert erstaunlich weit geöffnet: Rasmussen spannt den Bogen von langsamen, introspektiven Stücken über gebrochene, nervös zuckende Grooves bis hin zu Passagen, die sich fast als Pop-Hooks lesen lassen. Die einzelnen Bausteine – Tempo, Rhythmik, Harmonik, Vocals – kehren in wechselnden Kombinationen wieder und geben dem Album so eine klare, organische Dramaturgie, ohne dass es stilistisch zerfasert wirkt. Das liegt auch daran, dass Rasmussen seine Soundpalette extrem kontrolliert einsetzt: vieles bleibt im Halbdunkel, mit gedämpften Kicks, atmenden Sidechains, organisch klingenden Delays und Reverbs, die wie Nebel über den Songs liegen. Die Produktion ist glasklar, aber nie steril; sie atmet und wirkt wie ein Raum, in dem man sich bewegen kann, statt eine Hochglanzoberfläche, an der man abprallt.

Die Tracks

„Drain“ eröffnet das Album mit einem hell schimmernden, aber deutlich melancholischen Breakbeat, der sofort zeigt, wie sehr Rasmussen Timing, Groove und Raum beherrscht. Er selbst beschreibt den Track als einen jener seltenen Momente, in denen sich Musik eher „geträumt“ als komponiert anfühlt – und genau so klingt er: wie ein Erinnerungssplitter, der sich ständig dem festen Griff entzieht. Das Stück gehört zu seinen persönlichen Favoriten und begleitet ihn seit Jahren, was die fast zeitlose Aura erklärt, die über den zerlegten Percussions und den schwebenden Chords liegt.

Murk“ wirkt wie der erste energische Eingriff in ein System, das zu lange auf Autopilot lief. Entstanden ist der Track aus einer spontanen Session mit zwei engen Freunden – ein Versuch, eine festgefahrene Schreibphase aufzubrechen – und man spürt dieses Losreißen in jeder Faser. Der UKG-inspirierte Beat, oszillierende Frequenzen und eine klar auf den Dancefloor zielende Dynamik machen „Murk“ zur Wildcard des Albums: rauer, druckvoller, fast trotziger. Kein Wunder, dass er als eine der Singles ausgewählt wurde – er verankert Inert deutlich in der Clubrealität und kündigt den größeren stilistischen Radius der Platte an.

Mit „Doom“ wendet sich Rasmussen noch deutlicher seiner Teenager-Faszination für 2-Step zu. Er nähert sich dem Genre aus einer Pop-Perspektive, koppelt die federnden, zerschnittenen Drums mit bewusst dramatischen, beinahe „doomhaften“ Lyrics. Das Ergebnis ist ein Track, der zugleich zugänglich und emotional schwer ist, wie eine herbstliche Großstadt, in der die Neonlichter alles nur kurz aufblitzen lassen, bevor wieder Nebel darüberzieht.

„Bones“ beginnt als einfache Akkordübung am frühen Morgen – und endet als einer der emotionalen Kernmomente des Albums. Rasmussen widersteht konsequent der Versuchung, den Song zu überfrachten, lässt Akkorde, Percussion-Nuancen und Vocals atmen und fängt genau jene entspannte, leicht schmerzhafte Stimmung ein, die viele seiner Stücke prägt. Der Track funktioniert wie ein intimes Gespräch im Halbdunkel: nah genug, um jede Nuance wahrzunehmen, aber mit genug Unschärfe, um Projektionsfläche zu bleiben.

Sift“ ist bewusst als kleine Verschnaufpause angelegt – ein Miniaturstück aus Klavier und Synth, das wie ein Zwischenkapitel wirkt. Die Akkordfolge steht im Zentrum; eine simple Klaviermelodie und ein zurückhaltender Bass reichen aus, um ein Bild von konzentrierter Stille zu zeichnen. Rasmussen beschreibt die Arbeit daran als entspannend, und genau dieses Loslassen überträgt sich auf den Hörer – ein kurzer Reset, bevor das Album wieder komplexer und rhythmischer wird.

„Tomb“ ist vielleicht der eigenwilligste Track von Inert – und genau deshalb ein Highlight. Aus Langeweile über ein paar Akkorde heraus zerhackt Rasmussen das Material, jagt es durch ein drastisches ShaperBox-Preset und erhält eine schräge Synth-Linie, die er im gesamten Track in der Tonhöhe variiert und resampelt. Das Ergebnis ist ein nervöses, hochgradig ansteckendes Stück Broken-Beat-Electronica, in dem Sounddesign und Groove perfekt ineinandergreifen. Man hört, wie viel Spaß im Studio hier im Spiel war – „Tomb“ wirkt wie ein kontrollierter Unfall, der genau im richtigen Moment stattfindet.

Janzs Rasmussen
Janus Rasmussen

„Fumes“ taucht fast aus dem Nichts auf und bleibt seinem Entstehungsprozess treu: spontan, impulsiv, unruhig. Eine beharrliche Bassline, ein sich wiederholender, fast absurd anmutender Text und eine durchgängig gespannte Energie lassen den Track wie eine innere Spirale aus Nervosität und Drang nach Befreiung wirken. Rasmussen selbst sieht „Fumes“ als wichtigen Schritt, weil er sich klanglich in einen anderen Raum bewegt als seine sonstigen Arbeiten – das hört man: Der Track ist direkter, fast konfrontativ, ohne seine Feinzeichnung zu verlieren.

„Evil“ ist emotional das Herzstück von Inert. Rasmussen macht keinen Hehl daraus, dass er hier am verletzlichsten ist; Text und Stimmung spiegeln zentrale Themen des Albums wider – Schuld, Selbstzweifel, die Suche nach Erlösung. Inspirieren ließ er sich vom Soundtrack und Sounddesign von Silent Hill 2, dessen beklemmende, verwaschene Düsternis man in den schabenden Texturen und der vorsichtigen Harmonik wiederfindet. Es ist ein Song, der ihm besonders am Herzen liegt – man hört diese Nähe in jeder Zeile.

„Blame“ ist Rasmussen, der sich mit dem Format Popsong anlegt – allerdings zu seinen eigenen Bedingungen. Aufgewachsen mit den avantgardistischeren Arbeiten von Kate Bush, wollte er einen Song schreiben, der so theatralisch, eigen und leicht verschroben ist, dass er theoretisch auf The Dreaming landen könnte. Der Text bleibt bewusst rätselhaft, eher poetischer Strom als klare Erzählung, während Arrangement und Harmonie kurvig verlaufen, ohne die Hörer:innen zu verlieren. So wird „Blame“ zu einer Art Art-Pop-Fever-Dream mitten in einem ansonsten stark club- und sounddesignfokussierten Album.

„Spiraling“ schließt Inert mit dem größten, komplexesten Statement ab. Ausgangspunkt war eine chaotische Ableton-Session, die Rasmussen zunächst verwarf, später wiederentdeckte und mit Lyrics und Struktur versah. Dass der Track lange liegen musste, bevor er fertig wurde, hört man: Er wirkt wie eine Destillation der gesamten Platte – all die Themen, Texturen und Spannungen tauchen noch einmal auf, bevor sie sich im finalen Release in Luft auflösen. Es ist der logische Schlusspunkt eines Albums, das stetig auf diesen epischen, weiträumigen Moment zusteuert.

Die stilleren Momente von Inert – allen voran „Drain“, „Doom“, „Bones“, „Sift“ und eben das tief ins Mark gehende „Evil“ – schlagen eine viel dunklere, verletzlichere Seite des Albums auf. Sie wirken wie langsame, melancholische Miniaturen, die dich in eine Zwischenwelt ziehen, die zunächst fremd wirkt, voller Schatten und Andeutungen, und trotzdem merkwürdig schön bleibt. Je länger du dort verbringst, desto klarer wird: Die Abgründe, die diese Tracks ausleuchten, sind gar nicht so abstrakt – es sind deine eigenen, die hier plötzlich Kontur bekommen. Dass ein Album diese Projektion so mühelos auslöst, ist ein ziemlich eindeutiger Hinweis darauf, wie stark die Arrangements, Dynamikverläufe und Klangfarben hier aufeinander abgestimmt sind.

Mit seinen zehn Tracks bringt es Inert auf eine Gesamtlaufzeit von 32 Minuten und 55 Sekunden – für ein Album von Janus Rasmussen fast überraschend kompakt. Viele Stücke pendeln um die Drei-Minuten-Marke oder bleiben sogar darunter, was vor allem dann erstaunt, wenn man mit den ausgedehnten, sechs- bis siebenminütigen Kiasmos-Epen sozialisiert ist. Statt langer Build-ups und endloser Codas arbeitet Rasmussen hier mit dichten, präzise gesetzten Songformaten, die ihre Ideen auf den Punkt bringen und dann loslassen. Man ertappt sich schnell bei dem Gedanken, dass einige Stücke in einer Extended-Fassung noch weiter wachsen könnten – vielleicht als eigene EP oder als begleitende Remix-Edition –, aber genau diese Knappheit trägt mit dazu bei, dass das Album wie ein konzentriertes, intensives Kapitel wirkt, das man sofort noch einmal hören möchte.

Tracklist
  1. Drain – 3:46 – 94 BPM – F Major
  2. Murk – 4:06 – 131 BPM – E Minor
  3. Doom – 2:46 – 80 BPM – B Minor
  4. Bones – 2:56 – 128 BPM – Db Major
  5. Sift – 2:47 – 88 BPM – C Major
  1. Tomb – 2:40 – 127 BPM – Ab Major
  2. Fumes – 2:42 – 80 BPM – Bb Major
  3. Evil – 2:52 – 120 BPM – Db Major
  4. Blame – 3:23 – 135 BPM – G Minor
  5. Spiraling – 4:57 – 121 BPM – E Major
The Bottom Line

Inert ist ein reifes, äußerst sorgfältig produziertes Electronica-Album, das Janus Rasmussen als eigenständige künstlerische Stimme neben Kiasmos etabliert. Es ergänzt die gemeinsame Arbeit mit Ólafur Arnalds, statt sie zu übertrumpfen: Hier zeigt Rasmussen, wie souverän er seine Rollen als Arrangeur, Producer und Songwriter nutzt, um Stimmungen und Emotionen in fein austarierten Bögen aufzubauen. Die Mischung aus introspektiven Vocals, cluborientierten Grooves und detailverliebtem Sounddesign funktioniert als emotionales Langzeitstück, das man am besten komplett und in Ruhe hört, statt in Playlisten zu zersägen. Wer zwischen Moderat, Bonobo, Four Tet und dem „Songwriter im Studio“-Ansatz von Thom Yorke zuhause ist, findet hier einen neuen Fixpunkt.

Klanglich ist Inert ein Album, das zwingend nach Hi-res schreit: Die Arrangements sind komplex, der Sound ist äußerst sophisticated, vielschichtig und erinnert in seiner Mischung aus pumpenden Dancefloor-Momenten und tief nach innen gekehrten, melancholischen Stücken nicht zufällig an Bonobo – und natürlich immer wieder an die große Kiasmos-Vergangenheit. Gerade die feinen Dynamikwechsel, die luftigen Reverbs und die subtilen Vocal-Layer profitieren von jedem dB mehr Headroom.

Umso irritierender wirkt die aktuelle Release-Politik: Während Qobuz zum Start eine 24-Bit/44,1-kHz-Fassung anbietet, die dem Material gerecht wird, liefern Spotify und Tidal das Album bislang nur in 16 Bit aus – technisch sauber, aber ohne das letzte bisschen Tiefe und Raum, das Inert eigentlich verdient hätte. Wer die Möglichkeit hat, sollte Janus Rasmussens neues Werk deshalb unbedingt in Hi-res hören; dort entfalten sich die feinen Texturen, der kontrollierte, aber körperliche Bass und die schimmernden Höhen so, wie man es von einem Album erwartet, das klanglich an der Spitze der aktuellen Electronica steht.

Am Ende bleibt dieses leicht frustrierende, aber auch tröstliche Gefühl, dass Inert als Album fast zu kurz geraten ist – und genau das ist vielleicht das schönste Kompliment, das man Janus Rasmussen machen kann: Seine Songs öffnen Türen in Welten, die man eigentlich viel länger erkunden möchte.

Rating

  • Bit-Depth: 24 Bit
  • Sampling-Rate: 44.1 kHz
  • Sound-Quality
  • Music
  • Quality of Press-Services
4.9

Zusammenfassung

Listen & Buy
Mein Testequipment

Studio 1:

  • Front: 2 x System Audio SA Mantra 50
  • Subwoofer: 1 x System Audio Saxo 10
  • Music Server: Melco N1A H60 4TB (Hi-res)
  • DAC: Cambridge DAC Magic Plus
  • Streaming / Network Player: Cambridge MXN10
  • Streaming / Network Player: WiiM Ultra
  • Amplifier: Denon AVR-X3600H (Direct 2.1 Konfiguration) 4K, Hi- res, HEOS
  • Headphone: InEar: Shure SE846 with ALO MMCX Audio Reference 8 Kabel
  • Headphone: OverEar: Audeze EL-8
  • Nvidia Shield Pro (for Plex Server and Kodi in 24/96 max)
  • AppleTV 4K (Streaming Client) Dolby Atmos, HDR, Dolby Vision
  • Plex on Apple TV: upto 24/96 Hi-res
  • TV: Sony KD55-XG8505 (HDR, Dolby Vision)

Near Field:

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